Ein Hoch auf die Komfortzone!

Es ist modern seinen Mitmenschen den Tipp zu geben: "Du musst aus deiner Komfortzone raus!"


Ist das wirklich so, dass alle Menschen in der Komfortzone verweilen und immer fauler werden? Sind wir vom Wohlstand zu sehr verwöhnt? Was ist mit der Komfortzone gemeint? Sollen wir lieber Stufen steigen, als Lift fahren? Sollen wir noch weniger schlafen, um allen Anforderungen, die an uns, von Familie und Beruf, gestellt werden, zu entsprechen?


Ich denke mir oft, wir müssten schon alle Wunderkinder sein, wenn wir uns nicht mehr erlauben ab und zu abzuschalten und einfach zu entspannen.

Wir Menschen scheinen dazu zu neigen, dass wir etwas, was oft genug gesagt, geschrieben oder gepredigt wird, als Wahrhaftig anzunehmen. Sicherlich wäre es besser, verstandesgemäß vorzugehen und diese immer wieder kehrenden Gebetsmühlen, die uns von allen Medien und selbsternannten Gurus so unterbreitet werden, auf ihre Richtigkeit zu überprüfen.


Ich lebe in Österreich, genauer gesagt in Wien. Aufgrund  meiner Jahrzehnte langen Erfahrung mit meinen Mitmenschen hier, weiß ich, dass gelernte Österreicher sehr fleissig sind. Sie arbeiten viel (manches Mal viel zu viel), sie sind sozial und hilfsbereit (manches Mal auch zu viel) und sie gönnen sich wenig (man muss ja für die Zukunft sparen - vielleicht werden dadurch die meisten ÖsterreicherInnen nur durch eine Erbschaft reich?).


Trotzdem höre ich in den letzten zwei bis drei Jahren laufend: "Ihr müsst aus eurer Komfortzone raus!"


Was soll das bedeuten und wer hat was davon?


Wir wissen doch alle, dass sehr viele Menschen, aufgrund dessen, dass sie nie in der so genannten Komfortzone waren, in ein tiefes Loch fallen (gerade sehr erfolgreiche Menschen sind oft davon betroffen). Man nennt das heute Burnout, also ausgebrannt sein. Ich finde den Begriff nicht besonders gut gewählt, weil wenn ich mir einen Kerze vorstelle, die ein Burnout hat, werde ich sie nie wieder anzünden können. Ich hoffe doch, dass die Menschen, die aufgrund des Leistungsdrucks ausgebrannt sind, auch wieder ins Leben finden können, ins wirkliche Leben und auch wieder glücklich sein dürfen.


Bitte jetzt auch mal an die hohen Arbeitslosenzahlen denken! Das sind nicht unbedingt faule, arbeitsscheue Subjekte, sondern vielfach Menschen, die zu viel gegeben haben, beruflich wie privat und sich oft schwer tun noch einen Funken Hoffnung auf einen Arbeitsplatz zu haben. In Österreich leben 8 Millionen Menschen, vom Kleinkind bis zum Greis (da fällt mir ein: Ich möchte zwar alt werden, aber niemals Greis genannt werden. # so viel zur Menschenwürde #). Davon sind bald eine halbe Million arbeitslos, wenn den PolitikerInnen nicht Besseres einfällt und die Wirtschaft von alleine nicht hoch kommt. An jedem Arbeitslosen Menschen hängen aber noch Familienangehörige aller Altersstufen. Wie oft haben diese Arbeitslosen Menschen in Ihrem Arbeitsleben wahrscheinlich Dinge gehört wie:


  • Ohne Fleiß, kein Preis.
  • Denken Sie an Ihre Kinder.
  • Haben Sie schon einen Lebensversicherung abgeschlossen?
  • Wenn Sie das noch tun, steht Ihrer Karriere nichts mehr im Weg.
  • Sie müssen ins Ausland gehen, dann werden Sie bei uns Karriere machen!
  • Bau dein Wunschhaus, wir machen das mit Franken-Kredit total günstig.

Aus welcher Komfortzone sollen die jetzt raus?


Dabei mache ich auch oft den Fehler, zu glauben, dass alle Menschen so sind, wie ich sie in meinem Umkreis erlebe. Und in meinem Umkreis kenne ich keine faulen, arbeitsscheuen Subjekte, weder in meinem Freundeskreis, noch unter meinen Seminar-TeilnehmerInnen.


Ich kenne aber viele Menschen, die den Glauben an die Zukunft verloren haben. Das sind nicht nur Arbeitslose, sondern auch EPUs (Einpersonen-UnternehmerInnen) und KMUs (Klein- und Mittelbetriebe), FreiberuflerInnen, die sowieso immer für sich alleine arbeiten.


Die Zeiten werden härter, hören wir aus Politik über die Medien seit Jahren. Ja, und? Was macht die weltweite Politik dafür, dass die Zeiten wieder weicher werden? Oder müssen wir Menschen auch immer härter und erbarmungsloser uns gegenüber und anderen gegenüber werden? Noch mehr Burnouts produzieren?


Ich liebe meinen Beruf seit 1986, bin selbstständig von Anfang an und geschiedener Familienvater von zwei Kindern, die ich noch mehr liebe als meinen Beruf und habe den Eindruck noch nie in dieser Komfortzone gewesen zu sein. Geht es manchen LeserInnen auch so?


Dann würde mich eure Meinung sehr interessieren.


Harald Mizerovsky


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Kommentare: 4
  • #1

    Josef Miligui (Freitag, 27 März 2015 18:40)

    Komfortzone oder Knautschzone…

    Ich denke in der heutigen Zeit werden viele Menschen durch den hohen Leistungsdruck, den uns die Medien suggerieren und den daraus entstehenden gefühlten Misserfolgen immer mehr entmutigt und geben sich der Bevormundung durch das System hin (Komfortzone). „Wozu sollen wir innovativ sein, geht ja eh schief oder bringt nichts.“ Wer heute mit KMU´s oder EPU´s spricht hört von den großen Problemen. Wer sich dann auch noch die Statistiken der Insolvenzen ansieht, wo viele nach kurzer Zeit Ihre Unternehmen wieder zusperren müssen sollte den Unterschied zu früheren Zeiten erkennen. Da hat ein Schuster, Schneider, Landwirt, … nach der Lehrzeit meistens bis ins hohe Alter seinen Betrieb geführt und konnte davon gut leben. Heute solle jeder mindestens alle Jahre eine Weiterbildung machen um mit der Konkurrenz mithalten zu können. Ist das nur eine Folge von einer schnellen Weiterentwicklung? Wie viele halten das aus (Knautschzone) bis sie aufgeben?

    Ich bin in dieser „Knautschzone“ an Krebs erkrankt und habe mich erst wieder auf das Wesentliche im Leben einstellen müssen (dürfen). Und wenn ich Menschen in ähnlichen Lebenssituationen kennen lerne merke ich, dass es nur zwei Wege gibt - sich knautschen lassen bis zum Ende oder aussteigen und es anders machen. Ja, jetzt hat Geld für mich eine andere Bedeutung. Nicht dass ich jetzt keines mehr brauche, aber ich laufe dem nicht mehr nach um mit den anderen in meiner Gesellschaft mithalten zu können.

    Die Politik ist gefordert, den Menschen ein Leben zu ermögliche, welches weder in die Komfortzone noch in die Knautschzone führt - aber können Sich die Politiker und die Wirtschaftsbosse überhaupt noch vorstellen wie das gehen soll? Um Politiker oder Führungskraft zu werden muss man vermutlich egoistisch und rücksichtslos sein sonst kommt man nicht nach oben. Früher zählte das Wissen über ein Fachgebiet, heute mehr das Wissen wie man manipuliert, wie man Beziehungen ausnützt oder wie man Vorteile aus Vereinbarungen erzielt.

    WAS SOLL DAS BEDEUTEN UND WER HAT WAS DAVON? - ist die Frage…
    Die Politik macht was die Wirtschaft möchte - die wissen, wie Politiker zu Fall gebracht werden und wie man kooperative Politiker zu den Schlüsselpositionen bringt. So gibt es ja auch Politiker, welche uns wie in der Komfortzone vorkommen und einige die nach einer Knautschzone schnell wieder vergessen sind… Kennen Sie einen Konzern, der in die Knautschzone gerät? Ja, ein paar Banken, die es übertrieben habe - aber freundlicherweise werden diese ja von den Politikern gerettet - so ein Zufall.

    Fazit: Respektieren Sie Menschen, welche in der Komfortzone leben, fördern Sie Menschen die selbständig arbeiten und helfen Sie Menschen, welche in die Knautschzone geraten sind damit diese in die Komfortzone gelangen (diese Menschen können nur selten wieder den in unserer Gesellschaft üblichen Leistungsdruck wieder bestehen - „KnautschOUT statt BurnOUT“).
    Kaufen Sie wieder beim Schuster, Schneider oder Landwirt - auch der hat jetzt schon einen Onlineshop ;-)

    Josef

  • #2

    Ingeborg Platzer (Montag, 20 April 2015 23:38)

    Komfort mit allen Schikanen

    Was unter Komfort nun genau zu verstehen ist, darauf muss sich letztlich wohl jeder selbst seinen Reim machen, handelt es sich bei Komfort lediglich um die Abwesenheit von Diskomfort. Also jedem seine Wirklichkeit, da dem Wort „Komfort“ ein Konzept der Unterschiede zugrunde liegt, auch wenn sich dies in der Praxis mitunter als unkomfortabel, weil anstrengend, erweisen kann. Was dem einen als gar bescheidener Komfort erscheint, präsentiert sich einem anderen bereits als schierer Luxus oder wird gar als Gräuel empfunden.

    Wobei wir den Komfort schon den Italienern verdanken, also zumindest den Römern (die vermutlich übrigens von den Griechen abgekupfert haben). „Fortis“ war für sie „stark, kräftig, fest“. (Dass die nicht zwingend als immer flüsterleise bekannten Italiener das „forte“ in die Musik gebracht haben, erübrigt sich zu erwähnen.). Im Mittellateinischen finden wir „confortare“ – in besonderem Maß stärken. Zu stärken galt es dann über Jahrhunderte hinweg hauptsächlich den Glauben, wen mag es verwundern. Englischsprachige lesen in Psalm 23 bis heute „Your rod and Your staff, they comfort me.“, wohingegen die „comfort women“, also die Trostfrauen, mit denen man in Japan während des Zweiten Weltkrieges teils bestialisch umgegangen war, heftige Diskussionen ausgelöst haben und es noch tun.

    Hans-Christian Andersen hat uns am Beispiel des Schlafkomforts gezeigt, wie man eine wahre Prinzessin erkennt. Doch nur ein verschwindend geringer Bevölkerungsteil lebt heute in der Märchenwelt eines Prinzen oder einer Prinzessin im herkömmlichen Sinn. Gibt es deswegen unter uns so viele Erbsenzähler?
    Oder hängt es vielleicht tatsächlich damit zusammen, dass uns die Zeit, in der wir leben, ein gewisses Maß an physiologischem, psychischem und physischem Komfort nicht zu gönnen vermag? Dass wir tatsächlich immer funktionieren müssen, Seelenfrieden zum Luxusgut wird und wir oft nicht mehr wissen, wie wir mit all den Reizen, die tagtäglich auf uns einströmen, umgehen sollen?
    Komfort heute, im gesellschaftlichen Sinn, würde für mich ein bedingungsloses Grundeinkommen bedeuten. Grundsicherheit für Körper und Geist. Denn Eremitentum, also die Flucht in diverse Parallelwelten, ist auch keine Lösung.

    Komm vor, trotz aller Schikanen.

  • #3

    Verena Ullmann (Donnerstag, 23 April 2015 13:19)

    Was ist unsere Komfortzone? Eine gute Frage, die sich, wie man an den beiden Vor-Kommentaren sieht, vielfältig beantworten lässt. Ich glaube grundsätzlich, dass die Komfortzone das Bequeme ist. Auch hier kann man selbst entscheiden, wo in diesem breiten Spektrum die Bequemlichkeit anfängt und wo sie aufhört. Beispielsweise ist eine ewig lang dauernede Beziehung zwar langweilig, aber bequem oder ein seit 15 Jahren bestehendes Arbeitsverhältnis ohne Aufstiegsmöglichkeiten zwar bequem und komfortabel, aber mehr Geld wird dadurch auch nicht verdient. Die ständige Esserei auf dem Sofa beqeum, der tägliche 15 Kilometer-Lauf bequem, alle Routinen sind bequem.
    Mit Interesse habe ich den Beitrag von Harald Mizerovsky gelesen.
    Meine Meinung dazu: Sicherlich kann die Politik Rahmenbedingungen für Einzel- oder Kleinunternehmer stellen, sicherlich sind sowohl Deutsche wie Österreicher fleißig und schaffig, sicherlich stecken viele unserer Mitmenschen in einem, auch wenn ich das Wort auch schlecht gewählt finde, Burnout, aber mal ehrlich:
    Die Komfortzone ist in uns selbst und sonst nirgends. Sie ist ein Zusammenspiel aus Angst vor Veränderung, Antriebsschwachheit und dem oftmals fehlenden Schupps von Außen. Die Komfortzone ist einfach bequem, weich, kuschelig. Hohle Ratschläge und simpel gestrickte althergebrachte Sprüche wie: "Ohne Fleiß, kein Preis.
    Denken Sie an Ihre Kinder.
    Haben Sie schon einen Lebensversicherung abgeschlossen?
    Wenn Sie das noch tun, steht Ihrer Karriere nichts mehr im Weg.
    Sie müssen ins Ausland gehen, dann werden Sie bei uns Karriere machen!
    Bau dein Wunschhaus, wir machen das mit Franken-Kredit total günstig" liefern ein aufgestülptes Null-Acht-Fünfzehn-Konzept, das letztendlich auch wieder nur bequem ist und vom sich mit sich selbst beschäftigen abhält.
    Und da nehme ich mich nicht aus. Auch ich denke manchmal wie Scarlett O`Harra aus "Vom Winde verweht": "Ach, verschieben wir`s auf morgen." Da ist sie wieder die Komfortzone.
    Ich nenne sie auch gerne den Inneren Schweinehund, die Überwindung, die Müdigkeit, 1000ste Ausrede.
    Mein persönlicher Tipp: ein Mal richtig ausschlafen und sich dann entweder bei entsprechenden Fachleuten wie Coaches oder Therapeuten vorstellen und die Sache angehen. Oder sich den eigenen Ist-Zustand bewusst machen auf einem Blatt Papier, im Netz recherchieren, Freunde oder Kollegen fragen, was andere Ein-Mann/Frau-Firmen oder Kleinbetriebe im gleichen Bereich so bieten und machen und dann tätig werden. Das Tätig-Werden ist das Wichtigste - egal in welchem Bereich. Sich langweilen führt zum Bore-Out, sich Überfordern zum Burnout.
    Für jeden steht fest: so kann es nicht weiter gehen und es gibt keine Lösung für alle. Jeder Mensch ist ein Individuum, dass für sich eine Lösung finden muss.
    Ein Hoch auf die Komfortzone!?
    Klar, wenn Du für immer Dich totlangweilen, Pleite gehen, die Verantwortung auf andere abwälzen willst, gerne.
    Ich will das nicht.

  • #4

    Emmerich Mazakarini (Donnerstag, 30 April 2015 22:04)

    Wir sehnen uns nach Schlaf, doch arbeiten weiter und weiter, im Halbschlaf manchmal, ich sehne mich nach einem normalen Leben, in dem Leistung belohnt und der gute Wille wenigstens anerkennt wird. Hoffnung treibt uns Menschen an, deshalb kämpfen wir weiter und weiter, es ist unsere Natur und das ist gut so!